Dieses Jahr ist es wieder soweit. Meine Hörgeräte sind sechs Jahre alt geworden. Sechs Jahre sind die Zeit, nach der Krankenkassen normalerweise neue Hörgeräte bezahlen – oder zumindest bezuschussen. Ich hätte da auch so dran gedacht, allerdings wurde es mir auf vielen Wegen sehr eindringlich klar gemacht – in meinem Briefkasten.

Ich bin keine einfache Kundin für Akustiker*innen. Wie ihr euch denken könnt, gehe ich stets gut informiert in ein Fachgeschäft. Ich habe meist schon vorher recherchiert, was ich haben will und was die Optionen sind. Ich stelle viele detaillierte Fragen und möchte sehr gut verstehen, was sie mir verkaufen wollen. Ich habe in der Vergangenheit das Fachgeschäft öfter mal gewechselt – aus verschiedenen Gründen. Bei manchen Geschäften war ich ein paar Jahre Kundin, bei manchen hatte ich nur hier und da mal Kontakt wegen einer einzelnen Anfrage, aus der sich nicht immer etwas ergeben hat. So kam es jedenfalls, dass noch einige Akustiker*innen meine Adresse in Ihren Kundendatenbanken hatten.
Das war mir lange gar nicht aufgefallen, denn nach meinem jeweiligen Abgang hatte ich nie wieder etwas von Ihnen gehört. Bis Ende letzten Jahres. Auf einmal bekam ich Unmengen an Post. Enthusiastisch wurde ich darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für ein neues Hörgerät wäre und ob ich nicht gleich einen kostenlosen Termin zum Testen neuer Geräte machen möchte.
Für mich fühlt sich das an, eine Freundin zu haben, die sich nur meldet, wenn es “sich lohnt”. Ihr kennt das, ihr habt auch so eine. Das ist jemand in eurem Freundeskreis, der nur auf eurer Türschwelle erscheint, wenn es etwas zu holen gibt. Jahrelang hört ihr nichts von ihr, keine Mail, kein Anruf, kein “Wie geht’s dir eigentlich so?”. Aber wenn ihr sie zu eurer Geburtstagsparty einlädt, lädt sie sich den Teller doppelt voll am Buffet. Wenn ihr einen Stapel Bücher verschenkt, kann sie nicht schnell genug vorbeikommen. Und wenn sie mal knapp bei Kasse ist und sich Geld leihen möchte, seid ihr auf einmal die wichtigsten Menschen in ihrem Leben.
Ja, liebe Akustiker*innen, so fühlt sich das an, von euch nur dann Post zu bekommen, wenn es sich für euch lohnen könnte. Ein bisschen wie ein Schwarm Geier, der über einem kreist in der Erwartung, dass es bald etwas zu holen gibt. Ich kann euch noch nicht einmal wirklich einen Vorwurf machen, denn mir ist klar, dass es das System ist, welches dieses Verhalten so attraktiv macht. Was meine ich damit?
Krankenkassen bezahlen – mehr oder weniger – alle 6 Jahre neue Hörgeräte. Ich sage “mehr oder weniger”, weil es hier in den letzten Jahren Bestrebungen gab, auch diese Zeit noch zu verlängern, so dass du als Mensch mit Schwerhörigkeit dich vielleicht sogar erstmal noch mit deiner Krankenkassen rumstreiten musst. Dann zahlen sie auch bei weitem nicht den vollen Preis. Mit dem Anteil, den Krankenkassen zahlen, kommt man bei modernen Hörgeräten jedenfalls oft nicht weit. So oder so, ist aber das 6. Jahr das Jahr, wo statistisch gesehen, die meisten Leute sich nach neuen Hörgeräten umschauen.
Akustiker bekommen beim Kauf eines Hörgerätes von der Krankenkasse einen Pauschalbetrag. Dieser deckt das Gerät ab, aber auch die Nachsorge und die Reparaturen in den darauffolgenden 6 Jahren. Und wie beim Betrag für die Geräte selbst, ist das nicht wo wahnsinnig viel Geld. Das bedeutet, dass ein*e Akustiker*in am meisten an dir verdient, wenn Sie dir ein (möglichst teures) Gerät verkauft, den Betrag der Krankenkasse einstreicht und dich dann möglichst die nächsten 6 Jahre nicht mehr sieht. Jede Termin, jede Stunde, die du in ihrem Fachgeschäft verbringst, geht von ihrer “Kosten-Nutzen-Rechnung” ab. Da ist es kein Wunder, wenn die eher wirtschaftlich denkenden Menschen (die anscheinend besonders viel in großen roten und grünen Ketten unterwegs sind), das ganze knallhart auch auf ihr Marketing anwenden. Da kommt dann eben sowas dabei heraus, dass du nur Post bekommst, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass du bald wieder ein neues Hörgerät kaufst.
Unsere Krankenkassen machen das, um Kosten zu sparen. Die Frage ist, ob das langfristig eigentlich der Fall ist. Was auf der Strecke bleibt, ist eine gute Feinanpassung der Hörgeräte, regelmässige Nachanpassungen und die Wartung und Pflege der Geräte (mehr dazu in Hörgerät – und nun?). Sechs Jahre sind eine lange Zeit. In dieser Zeit wird unser Hören vermutlich noch ein wenig schlechter als es am Anfang der 6 Jahre war. Und wenn du dann deine Hörgeräte nicht nachstellen lässt, dann wird dein Gehirn darunter leiden. Genauer habe ich das schon in Warum sind meine Hörgeräte so laut? beschrieben.
Wenn du also mindestens 1-2 Mal im Jahr dein Gehör und deine Hörgeräte kontrollieren lässt, tust du dir und deiner Gesundheit etwas Gutes. Es nicht zu tun, kann deine Schwerhörigkeit verschlechtern und vermutlich sogar dein Risiko für Demenz steigern.
Klar, keiner hat Lust, Termine für so etwas zu machen. Schließlich hört sich doch alles noch okay an. Und irgendwie sind wir alle immer viel zu beschäftigt mit anderen Dingen in unserem Leben. Das Problem ist, dass alles so schleichend geht, dass man nicht merkt, wenn es langsam wirklich Handlungsbedarf gibt. Ich frage mich eigentlich, warum wir Menschen hier unsere Gesundheit so auf die leichte Schulter nehmen.
Ich fahre doch auch nicht mit einem Auto herum, wo schon seit 5 Jahren niemand mehr geguckt hat, ob die Bremsbeläge noch gut sind. Da hätte ich doch Sorge, dass morgen die Bremsen versagen und ich ernsthaft Schaden nehme. Zum Glück für uns Menschen gibt es aber den TÜV, wo wir regelmäßig mit unserem Auto hinmüssen. Und wenn wir mit einer abgelaufenen Plakette erwischt werden, dann gibt es einen Strafzettel. Sonst wären wir Menschen da vermutlich genauso nachlässig wie bei der Hörgesundheit.
An dieser Stelle möchte ich die wenigen Akustiker*innen loben, die mit mir auch während der 6 Jahre in Kontakt blieben. Inhaltlich waren die Botschaften allerdings ähnlich marketingmäßig. Meistens wird man mit dem Versprechen auf ein Päckchen Batterien oder ein Werbegeschenk in die Filiale gelockt. Oder es wird ein konkretes Hörgerät “zum Testen” angeboten, ohne zu erklären, warum das denn für mich passend oder sinnvoll wäre. Was ich mir lieber gewünscht hätte, wäre einen Brief zu erhalten, der mir ernsthaft erklärt, warum es für mein Hörgerät, mein Gehör und mein Gehirn wichtig ist, vorbeizukommen um die Parameter nachstellen zu lassen. Besonders gut hätte ich es gefunden, zu erfahren, wie ich selbst noch etwas Gutes für mein Gehör tun kann, z.B. in dem ich ein Hörtraining mache. Dass ihr mir vor allem Marketing-Botschaften und nicht von meiner Gesundheit erzählt, bestätigt mir vor allem, dass es euch um euren Shareholder-Value und nicht wirklich um meine Wohlbefinden geht.
Leider liegt es in diesem System allein in der eigenen Verantwortung von uns Kunden regelmäßig bei unseren Akustiker*innen aufzuschlagen. Sie selbst erinnern uns nicht daran, sie würden ja nur draufzahlen. Und die Krankenkassen haben die langfristigen Folgen auch noch nicht genug auf dem Schirm, denn sonst gäbe es auch hier Erinnerungen und Kampagnen, die uns erklären, wie wichtig die Hörgesundheit ist. Es ist traurig, dass das System so ist, dass du als Mensch mit Schwerhörigkeit oft viele Jahre mit deiner Behinderung allein gelassen wirst, und nur dann, wenn es sich “lohnt”, die Geier über dir zu Kreisen beginnen.








